
Kommunikation im Außen: Wie sich Dein inneres Gespräch in der Welt zeigt
4. Juni 2026Körperbildstörung ist mehr als Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Sie ist ein stiller Begleiter, der sich in den Alltag einschleicht und dort bleibt – manchmal ein ganzes Leben lang. Du stehst morgens vor dem Spiegel und findest Dich ganz in Ordnung. Deine Lieblingshose sitzt, das Shirt passt, alles gut. Und dann, eine halbe Stunde später, kommst Du am selben Spiegel vorbei – und erkennst Dich nicht wieder. Plötzlich zeichnen sich die Oberschenkel ab. Plötzlich ist der Bauch zu viel. Plötzlich ist nichts mehr gut.
Wenn Du das kennst, dann weißt Du auch, wie schnell sich danach alles verändert. Das Umziehen wird zur Qual. Die weite Jeans wird zur Rettung. Und der Tag, der eben noch ganz normal begonnen hat, ist Dir bereits verhagelt – noch bevor Du das Haus verlassen hast.
Von außen betrachtet klingt das vielleicht übertrieben. Aber ich sage Dir: Es ist es nicht. Ich habe jahrelang in genau diesem Auf und Ab gelebt. Und wenn ich mit anderen Frauen darüber spreche, die Ähnliches erlebt haben, sagen fast alle: Ja, genau so ist es.
Das Schwierige daran: Eine Körperbildstörung kommt selten allein. Sie ist oft eng verknüpft mit Trauma und Traumatisierung, mit einem Selbstwertgefühl, das früh beschädigt wurde, und mit Botschaften, die wir irgendwann verinnerlicht haben, ohne es zu merken.
In diesem Artikel schauen wir gemeinsam hin. Auf das, was im Spiegel passiert. Auf das, was dahintersteckt. Und auf das, was sich verändern darf.
Körperbildstörung – Was wirklich dahintersteckt
Eine Körperbildstörung – auch Körperdysmorphe Störung genannt – ist eine komplexe Erkrankung. Sie betrifft Menschen, die sich übermäßig mit ihrem Aussehen beschäftigen und sich zugleich als hässlich oder unzulänglich empfinden. Der Blick in den Spiegel wird zum Verhör. Das Foto auf dem Handy zur Bedrohung. Und der eigene Körper zu etwas, das es zu kontrollieren gilt.
Frauen mit einer Körperbildstörung suchen häufig nach Fehlern in ihrem Aussehen und kritisieren sich selbst dafür. Sie führen negative Selbstgespräche. Sie denken Dinge wie: „Ich bin hässlich.“ „Ich bin nicht gut genug.“ „Ich werde nie attraktiv sein.“ Diese Sätze klingen vielleicht bekannt. Denn sie sind keine Ausnahme – sie sind der Alltag vieler Frauen.
Die Ursachen sind vielfältig. Aber am häufigsten sind es die Folgen von Traumatisierungen, denn durch Trauma und daraus entstehende Traumatisierungen ist unser Selbstwertgefühl stark in Mitleidenschaft gezogen – und das betrifft auch unsere Sicht auf unser Äußeres. Denn unser Äußeres ist nicht von dem, was in uns vorgeht, zu trennen.
Aber natürlich dürfen wir auch die Umweltfaktoren nicht vergessen: Die Medien, die Gesellschaft und die Familie können einen negativen Einfluss auf das Körperbild haben. Durch die Medien lernen kleine Mädchen heute schon sehr früh, wie sie zu sein haben, und eifern Vorbildern nach, die mit der Realität wenig zu tun haben.
Und dann gibt es da noch etwas, das tiefer sitzt als jedes Medienideal. Etwas, das im Spiegel beginnt und weit darüber hinausgeht.
Der Spiegel, die Waage und das ständige Vergleichen
Ich kenne das so gut. Fast mein ganzes Leben. Ich schaue in den Spiegel und finde mich zu dick. Gestern war ich noch ganz normal. Heute geht alles den Bach runter. Die spiegelnde Fensterscheibe unterwegs, der zufällige Seitenblick ins Schaufenster, die Umkleidekabine mit der bestimmten Beleuchtung, der direkte Blick in den See. Alles kann zur Falle werden.
Meine Körperbildstörung führte dazu, dass ich lange ein gestörtes Verhältnis zu Spiegeln und Fotos von mir hatte. Es konnte mir passieren, dass ich mich morgens um 8 ganz ok im Spiegel fand und um viertel nach 8 zufällig am selben Spiegel vorbeikam und mich fragte, wie es sein kann, innerhalb von 15 Minuten mindestens drei Kilo zuzulegen. Heute weiß ich natürlich, dass das Quatsch ist. Aber das Gefühl ist manchmal noch da.
Und dann kommt das Vergleichen. Wir Frauen vergleichen uns oft gerade mit anderen Frauen, insbesondere mit solchen, die wir als attraktiv oder erfolgreich empfinden. Die Hochglanzwelt bestimmter Social-Media-Kanäle zeigt uns unsere vermeintliche Unzulänglichkeit wie durch ein Brennglas. Frauen, die sich mit Topfigur inszenieren – gern auch gefotoshoppt – geben uns Tipps, wie wir unser Äußeres optimieren können. Wie wir das Traumgewicht in 10 Tagen erreichen. Und wie wir uns dann als Topmodell inszenieren können.
Natürlich führen diese Vergleiche und diese Tipps, die in keinster Weise der Realität entsprechen, erst recht dazu, dass wir uns unzulänglich erleben. Im Extremen beginnen wir, uns für unser eigenes Aussehen zu schämen. Oder wir entwickeln regelrecht Angst, von anderen beurteilt zu werden. Und das führt dann wiederum dazu, dass wir uns nicht mehr in die Öffentlichkeit trauen.
Hämische Sprüche kennen viele von uns. Von Fremden. Manchmal von der eigenen Familie. Mein Vater sagte einmal beiläufig zu mir: „Du hast ja einen ganz schön dicken Hintern bekommen.“ Er hat es nicht böse gemeint. Aber er hat nicht geahnt, was er damit ausgelöst hat. Das Vergleichen und die Bewertung von außen treffen auf eine Innenwelt, die ohnehin schon verletzlich ist. Und genau dort liegt die tiefere Verbindung.
Körperbildstörung und Trauma – Die unsichtbare Verbindung
Traumatisierungen haben mein Körperbild und mein Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigt – und das über viele Jahre meines Lebens. Mein Körper zu kontrollieren war der direkte Weg in die Bulimie. Das Essen war etwas, was es zu vermeiden galt, bis der Zwang die Kontrolle übernahm und ich so viel in mich hineinstopfte, bis ich alles wieder auskotzen musste. Ein wahrer Teufelskreis, aus dem es für mich lange keinen Ausweg gab.
Der Zusammenhang zwischen Körperbildstörung und Trauma ist kein Zufall. Besonders bei Frauen, die sexuelle Gewalt oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, zeigt sich dieses Muster immer wieder. Der Kontrollverlust, den ein Trauma mit sich bringt, wird auf den eigenen Körper übertragen. Was im Außen nicht kontrolliert werden konnte, soll im Innen kontrolliert werden. Gewicht. Essen. Aussehen. Der Körper wird bestraft für etwas, das ihm angetan wurde – ohne dass wir das bewusst erkennen.
Die durch die Traumatisierungen verlorene Kontrolle über das Außen versuchte ich mir über die Kontrolle in meinem Inneren zurückzuerobern. Aber nicht nur das: Ich habe meinen Körper dafür bestraft, dass er sich nicht gegen die Übergriffe gewehrt hat. Ohne das bemerkt zu haben. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Weswegen Du zum Kontrollfreak werden kannst, entzieht sich völlig Deinem Verständnis.
Scham breitet sich aus. Das Selbstwertgefühl sinkt. Und Dein Körper reagiert auf diese innere Sprache. Denn Dein Körper unterscheidet nicht zwischen einem Angriff von außen und einem Angriff von innen. Er hört, was Du ihm sagst. Und er glaubt Dir.
Aber was am meisten darunter leidet, ist nicht nur der Körper. Es ist die Beziehung zu Dir selbst. Und genau dort darf die Veränderung beginnen.
Dein Weg zurück zu Dir – Was Du verändern darfst
Ich habe bis zu meinem 62. Lebensjahr gebraucht, um anzuerkennen, dass gute Fotos von mir gemacht werden könnten. Vorher fand ich mich immer grottenhässlich auf Bildern. Erst in den letzten Jahren habe ich Frieden mit meinem Aussehen gemacht. Und ich habe mich in meinem Körper wohlgefühlt. Wie ich das geschafft habe? Ich habe mich Stück für Stück mit meinen Traumatisierungen auseinandergesetzt und vor allem mit den dahintersteckenden Gefühlen. Denn egal wer und wie Du bist: Deine eigenen Gefühle sind der Gamechanger.
Der erste Schritt ist Bewusstsein. Erkenne, was passiert, wenn Du in den Spiegel schaust. Nicht das Spiegelbild ist das Problem – sondern die Geschichte, die Du Dir in dem Moment darüber erzählst. Und diese Geschichte lässt sich verändern. Nicht von heute auf morgen. Aber Stück für Stück. In meinem Buch „Der Sturm wird stärker – wir auch!“ beschreibe ich diesen Weg ausführlich.
Glaubenssätze wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich bin hässlich“ sind nicht in Stein gemeißelt. Sie wurden irgendwann geformt – durch Erfahrungen, durch Botschaften, durch Bewertungen von außen. Und was geformt wurde, kann auch umgeformt werden. Das braucht Zeit. Das braucht Geduld. Und es braucht oft auch Begleitung.
Körperwahrnehmung ist dabei ein wichtiger Schlüssel. Nicht als Wellness-Trend, sondern als Weg zurück zu Dir. Zurück zu dem Satz: Ich fühle mich. Ohne Zusatz. Ohne Bewertung. Ein sensibles Coaching kann Dich auf diesem Weg begleiten – nicht, weil Du es allein nicht schaffst, sondern weil die richtigen Fragen von außen oft den entscheidenden Impuls geben.
Du darfst es Dir wert sein, Dich mit Deinem Körperbild auseinanderzusetzen. Nicht um perfekt zu werden. Sondern um Frieden zu schließen. Mit Dir. Mit Deinem Körper. Mit dem, was war.
Fazit: Körperbildstörung ist kein Urteil
Eine Körperbildstörung ist kein Zeichen von Eitelkeit. Sie ist kein Mangel an Disziplin. Und sie ist erst recht keine Einbildung. Sie ist eine Wunde – oft eine, die lange vor dem Spiegel entstanden ist.
Wenn Trauma und Traumatisierung Dein Körperbild verzerrt haben, ist das kein Urteil über Dich. Es ist eine Erkenntnis. Und Erkenntnis ist der erste Schritt zur Veränderung.
Du bist nicht das Bild, das Du im Spiegel siehst. Du bist nicht die Stimme, die Dich kleinmacht. Du bist die, die hinschauen darf – und die entscheiden kann, welche Geschichte sie sich ab jetzt erzählt. Wenn Du dabei Begleitung möchtest, findest Du in meinem Buch „Das habe ich noch nie gemacht – das wird gut“ weitere Impulse für Deinen Weg.



